Mindestlohn für Praktikanten

Warum Angela Merkel den SEO–Markt stärker verändert als Matt Cutts. Oder: Warum sich alles ändern wird, wenn wir groß sind.
Zwei Dinge werden 2014 die SEO–Branche verändern. Faktor 1 ist mit Google sehr offensichtlich. Faktor 2 „Bundesregierung“ ist weniger offensichtlich.

Google trocknet Linksümpfe aus

Über 10 Jahre bestand der größte Teil des SEO–Daseins aus Linkbuilding. Nicht für jeden, aber doch für einen großen Teil.
Wesentlicher Teil von Linkbuilding ist der Linkkauf. Nicht nur von der Bloggerszene verabscheut, sondern auch von Google verhasst. Hier werden Seitenbetreiber bezahlt, um eine Zielseite freiwillig zu empfehlen.
Google arbeitet hier seit Jahren daran, die jeweils schlimmsten/billigsten/spammigsten Linkformen zu jagen und zu entwerten.

Google und Kunden machen Druck

In Frankreich macht ein Linkdienstleister dicht, weil er geoutet wurde. In Deutschland haben Dienstleister aus Angst Ihrer Kunden vor einer Google–Penalty mit Umsatzrückgängen zu kämpfen. Gerade Kunden von Dienstleistern, die als nächstes Abstrafungsopfer von Google vermutet werden, werden unruhig.
Die Linkdienstleister stehen unter Druck durch Google. Durch geschicktes Marketing seitens Google wird der Druck von Linkkäuferseite auf Linkverkäufer gleichzeitig ebenfalls größer.

Qualität ein Ausweg für Linkbuilder?

Worin liegt der Ausweg für Linkbuilder? Sie brauchen höhere Qualität der verlinkenden Seiten.
Daher ist Linkhunting Trend. Dabei über Kaltakquise versucht Webseitenbetreiber zu Linkverkäufern zu machen.
Alternativ werden eigene Projekte mit höherer Qualität in Content und Layout produziert. Höhere Qualität bei Websites bedeutet automatisch mehr Personaleinsatz.

Der Praktikant als Linksklave:

Die Internetbranche ist es gewohnt, höheren Personaleinsatz durch Praktikanten zu befriedigen.
Angeblich ein Win/Win. Der Praktikant hat die Möglichkeit in die Onlinebranche hineinzuschnuppern und das Unternehmen kennenzulernen. Das Unternehmen wiederum kann Leistungen im weltweiten Online-Wettbewerb konkurrenzfähig erbringen, weil sie nicht auf vollbezahlte Kräfte zurückgreifen muss.
Und schlecht braucht man sich auch nicht zu fühlen. Man gibt doch jemandem eine Chance. Und wie sollte man sonst Leute ausbilden, gibt es doch kaum Ausbildungsprogramme im Online–Segment.

Die Bundespolitik wird die SEO–Branche stärker verändern als Matt Cutts

Hier kommt jetzt die Bundesregierung ins Spiel:
Für deutsche Politik und gesetzliche Regelungen ist das Internet Neuland. Arbeitsrecht und Arbeitsrechtsgesetzgebung sind es nicht. Und von dort kommt 2014 die größte Veränderung unserer Branche seit Content King ist.

Pro gesetzlicher Mindestlohn

ver.di leitet aus der Würde einen gesetzlichen Mindestlohn ab. Ein fairer Umgang mit Mitarbeitern ist für uns Wingmen selbstverständlich. Auch 0hne gesetzlichen Mindestlohn.

Was bedeutet ein Mindestlohn für Praktikanten?

Die Bundesregierung plant mit dem Koalitionsvertrag der sie stützenden Fraktionen die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns. Eine Ausnahme für Praktikanten soll es nicht geben — auch wenn im ersten Entwurf wohl eine vorgesehen war.

8,50€ pro Stunde für Praktikanten bedeutet:
8,50€/h * 40 Stunden/Woche * 4 Wochen je Monat = 1.360€/Monat

Gehen wir davon aus, dass ein Praktikant bisher 600-800€ bekommt — wir sind ja Optimisten —, dann verdoppeln sich die Kosten für Praktikanten.

Das wird sich direkt auf die Linkkosten durchschlagen. Insbesondere auf Seite derjenigen, die sich eine eigene Linktruppe gönnen.

Bei den Linkhuntern gibt es ein ähnliches Problem. Linkhunter erhalten ein relativ geringes Grundgehalt, das durch jeden akquirierten Link verbessert wird.
Immerhin führt das dazu, dass eine einzelne akquirierte Linkquelle nicht mehr so schnell überfischt wird.

Was also tun?

Wir Wingmen haben leicht reden:

  • Wir haben keinen Wachstumsdruck, da wir keine Investoren haben.
  • Wir kriegen kein Kostenproblem, da wir unsere Mitarbeiter bereits ordentlich bezahlen.
  • Wir haben Kunden, die verstanden haben, dass gute Leistung einen fairen Preis braucht.

Ein Entwicklungsszenario im Markt

Was im Markt passieren wird auf dem einen oder anderen Weg:
Linkbuildingbasierte Dienstleistungen werden verschwinden. Ein kleiner Teil wird qualitativ deutlich hochwertigere und teurere Leistungen anbieten.
Agenturen mit einem Fokus Linkbuilding werden spätestens jetzt ein zweites Standbein aufbauen müssen. Trafficerstellung, Kampagnenseitenerstellung, Reputation Management, Social Dienstleistungen, Tool–Sales. All das sind Felder, die naheliegend sind zum Aufbau einer weiteren Erlössäule. Natürlich neben der SEO–Beratung. Ob allerdings Unternehmen, die auf skalierbare Prozesse und Standardisierung setzen die besten Berater sind, sei einmal dahingestellt. Schließlich erfordert (qualitative) Beratung individuelle Leistung.

Jenseits der Dienstleister hat das natürlich auch Einfluss auf Inhouse–Teams. Hier ist das Problem in der Regel allerdings geringer.

SEO stirbt nicht, sondern wird erwachsen.

Ich find das alles nicht negativ. Es wird das Erwachsenwerden der SEO–Branche beschleunigen. Die SEOs sind keine Szene, sondern SEO ist eine Branche. Mit vielen tollen Menschen, tollen technischen und inhaltlichen Herausforderungen, aber es bleibt eine Branche. Und eine professionelle, seriöse Branche braucht prinzipiell legale Methoden, fair bezahlte Mitarbeiter und den Willen der Beteiligten, die Online–Welt jeden Tag ein Stück besser zu machen, als sie am Vortag war.

Wir wollen auf diesem Weg unseren Teil beitragen. Mit Freude.

p.s.: Natürlich kann es sein, dass die Zukunft ganz anders aussieht. Umso mehr Grund sich mit seiner eigenen Fairness gegenüber Praktikanten, Studenten und anderen Hilfskräften auseinander zu setzen.

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Kommentare

Emanuel am 21. Februar 2014 um 10:22:05

Sehr schön geschrieben. Ich kann das nur bestätigen. Qualität hat seinen Preis. Wer interessanten, nützlichen oder unterhaltsamen Content schafft, wird wie von selbst verlinkt. Ich finds auch gut, dass Google durchgreift. Sonst wären die Richtlinien ja für die Katz. Weiter so Wingmen

Martin O. Hamann am 16. März 2014 um 00:51:10

Aloha @Johan

Ein wahrhaft bemerkenswerter Post von Dir! RSS-FEED ist abonniert!
Kleine Wort-Korrektur am Rande:
„Dabei (wird) über Kaltakquise versucht..“

Cheers

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