Versteckte Inhalte ranken nicht. Wikipedia beendet eine Debatte

Am 21.03.2019 hat die deutsche Wikipedia einen historischen Schritt getan. Die (in Deutschland siebtgrößte Seite nach Visits), die in Google erfolgreichste Website überhaupt, die Wikipedia hat sich für 24 Stunden abgeschaltet.
Mit Spannung hab ich diesen Schritt seit der Ankündigung erwartet.

What would SEOs do?

Ein SEO hätte vermutlich in dieser Zeit ein politisches Statement ausgeliefert, aber mit dem Status Code 503 mit einem revisit-after-HTTP-Header gesendet. Mutige hätten bei dem Zeitraum vielleicht sogar gecloaked und Google die normale Seite ausgeliefert, Usern aber nur das politische Statement.
Nicht so die Wikipedia. Sie hat einen anderen Weg gewählt und den normalen Inhalt ausgeliefert und dann mit JavaScript ein vollflächiges Overlay über den Content gelegt. Eine Umsetzung, die für SEOs doppelt wertvoll ist.

Ein Testcase für Hidden-Content

Zum Einen: Der wichtige Protest ist auch für SEOs wichtig. Zum anderen wurde dafür ein fantastischer öffentlicher Testcase für eine der meist diskutierten SEO-Fragen geschaffen:
Ranken Inhalte, die dem Nutzer nicht direkt sichtbar sind genau so gut, wie direkt sichtbare Inhalte. Erfahrene SEOs haben ihre eigenen Tests zu diesem Thema. Aber dieser ist in Größe und Auswirkung einmalig:

-1.600 Sistrix-Sichtbarkeitspunkte in 3 Tagen. Das entspricht ca. 1 Ebay-Kleinanzeigen oder 2*Facebook

Tägliche Sichtbarkeit von Wikipedia fällt in DE und CH, bleibt in ES und US aber stabil

Die deutsche Wikipedia sackt am Tag der Livestellung um 350 Punkte (5%) ab. 24 Stunden ein nicht klickbares Overlay über die ganze Seite, das Google nur beim kompletten Rendern der Seite angezeigt wird kosten schon 5% der Sichtbarkeit. Wir können davon ausgehen, dass nicht die komplette Domain gecrawlt wurde, dass Sistrix-Abrufe und Google Crawling über den Tag verteilt waren und die realen Auswirkungen noch deutlicher gewesen sein dürften.

Der Hidden-Content-SEO-Hintergrund

Auch in einer Mobile-First-Welt scheint es nicht in Ordnung zu sein Inhalte zu verstecken, auch wenn Gary Illyes und John Müller noch 2017 erklärt haben, dass das Mobile kein Problem mehr sein wird:

Zumindest John Müller hat sich 2018 dazu aber vorsichtiger geäußert. Und natürlich kann man argumentieren, dass das Problem der Wikipedia gewesen sei, dass man das Interstitial nicht wegklicken konnte und der Schaden geringer gewesen wäre, wenn man das Interstitial hätte schließen können. Man kann auch argumentieren, dass ein Interstitial etwas anderes ist als das Verstecken des Contents in Tabs.

Letztlich bleibt es aber dabei: Was für den User wichtig ist, das muss ich ihm zeigen. Was ich ihm nicht direkt zeige nimmt weder der User, noch Google ernst. Und 5% Verschlechterung (23% einen Tag nach dem Test) beim Verstecken der Inhalte in Tabs sind vergleichsweise wenig, wenn ich das mit nicht öffentlichen eigenen Tests vergleiche. Deswegen bin ich gespannt auf morgen, wenn die neuen Sistrix-Zahlen da sind.

Wie geht es weiter?

Spannende Facetten allerorten: Wer hat die Rankings übernommen? Steigt de.m.wikipedia.org von 3 auf 80 Sichtbarkeitspunkte, obwohl auch die mobile Seite gecrawlt wurde? Auch hier war das Overlay. Aktuell wahrscheinlicher: Das Desktop-Ranking ist weggefallen, Google möchte Wikipedia platzieren und die zweitbeste Variante ist die mobile Version. Die ist noch nicht gecrawlt worden und daher noch nicht selbst aus dem Ranking gefallen.

Und ja: Trotz der medialen Berichterstattung hat die Wikipedia auch realen Trafficverlust. Allerdings erstaunlich „wenig“:
Screenshot wmflabs. ca 1/3 weniger Traffic auf de.wikipedia.org am 21.03.2019 (Quelle)

Auf jeden Fall ist wikipedia.org eine Domain, auf die man in den nächsten Tagen einen intensiveren Blick haben sollte.

[Update: 25.03.] Die Sichtbarkeitsverluste von 22.03. auf den 23.03. sind wieder 1:1 hergestellt. So dass aktuell noch ein Minus von ca. 5% bleibt, dass die Wikipedia schon an Tag 1 verloren hatte. Spannend ist auch der Versatz zwischen dem ersten Verlust und dem zweiten. Spontane Annahme: Google hat zwei Tage gebraucht, bis ein Großteil der Inhalte an den Indexer zum Rendern geschickt wurde. Der Switch zurück ging aber deutlich schneller. Sollte also Google einfach die alte gerenderte-Variante wieder aus dem Archiv des Indexers gezogen haben, als sie das gleiche HTML wie vor der Umstellung gefunden haben?

[Update: 26.03.] Wie erwartet ist die Sichtbarkeit heute wieder auf dem Niveau von vor dem Testcase.
Interessante Randnotiz: Die mobile Version ist für die aussortierten Artikel kurzfristig eingesprungen. Jetzt sinkt die mobile Sichtbarkeit im Desktop-Index wieder, nachdem die Desktop-URLs wieder da sind. Wikipedia ist noch nicht mobile first?
Sistrix Sichtbarkeit von de.wikipedia.org fällt ab. Sichtbarkeit für de.m.wikipedia.org steig kurzfristig an, fällt aber wieder, sobald Sichtbarkeit für de.wikipedia.org auf altes Niveau zurückkehrt


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Kommentare

Torben am 24. März 2019 um 10:11:30

geht wieder hoch, direkt einen Tag danach… sagen andere Tools die schneller als Sistrix sind.

    Johan von Hülsen am 24. März 2019 um 13:04:04

    Dass es wieder hoch geht ist doch keine Frage, da das Problem schon lange ausgebaut ist. Die spannende Frage ist auch weniger, ob es heute oder morgen wieder da ist, sondern ob es langfristfolgen gibt.

Anke am 25. März 2019 um 11:38:22

danke, johan! :)

Elias Lange am 25. März 2019 um 15:43:53

Super Überblick, danke. Welches Tool ist das auf dem letzten Screenshot?

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